«Deutscher Kaiser am Gelben Meer»


Aus dem Reisespecial am Sonntag (NZZ Beilage vom 26. Januar 2014)

Giebelhäuser und Bier in Tüten: Die ehemalige Kolonialstadt Qingdao entdeckt ihr deutsches Erbe und zeigt der Welt mit Stolz ihr einzigartiges Architekturensemble. Kaiserlicher Charme in einer modernen Grossstadt.

Ein bisschen Grössenwahn gehörte zu Kolonialzeiten zum Metier. Dies galt auch für den protzigen Amtssitz von Oskar von Truppel, dem Gouverneur der deutschen Musterkolonie Tsingtau. Von seinen Gemächern blickte er durch eine prunkvolle Säulenreihe in die Ferne, ganz wie der Märchenkönig Ludwig II. vom Thronsaal im Schloss Neuschwanstein. Stünde der Gouverneur heute an derselben Stelle wie vor hundert Jahren, er würde seinen Augen nicht trauen. Hinter den altehrwürdigen Villen seiner säuberlich geplanten Stadt wuchern nun Wolkenkratzer in den bleichen Himmel. Auf dem kleinen Fischhügel gegenüber überragt eine chinesische Pagode den Turm der lutherischen Christuskirche – undenkbar in Zeiten, als Kaiser Wilhelm II. sich ein «deutsches Hongkong» am Gelben Meer erträumte. Im Wettlauf mit den anderen europäischen Grossmächten strebte das deutsche Kaiserreich im ausgehenden 19. Jahrhundert auch in Fernost nach seinem «Platz an der

Sonne». Noch bevor es Ihnen die Engländer mit Hongkong gleichtaten, pachteten die Deutschen 1898 die Bucht von Kiaoutschou zwischen Peking und Shanghai von der chinesischen Regierung. Der Pachtvertrag für das «Schutzgebiet» Kiaoutschou mit ihrer Hauptstadt Tsingtau währte aber nicht lange: 16 Jahre später machte der Erste Weltkrieg Schluss mit den imperialen Fantasien der Deutschen.

Kleindeutschland als Touristenmagnet

Das alte Tsingtau, heute vor allem Qingdao geschrieben, hat mit dem chinesischen Wirtschaftsboom etliche seiner deutschen Kolonialbauten verloren. Bröckelnde Gründerzeitfassaden wichen polierten Glaspalästen, ganze

Strassenzüge der vorigen Jahrhundertwende fielen Hochhausneubauten zum Opfer. Doch mit der Bekanntgabe von Qingdao als Austragungsort der Segelwettbewerbe im Rahmen der Olympischen Spiele 2008 wurde der Ruf von Denkmalschützern lauter, den Abrissbirnen Einhalt zu gebieten. Und plötzlich entdeckten Städteplaner das chinesische Kleindeutschland als Touristenmagnet. Der alte Gouverneurspalast von Tsingtau ist heute ein Museum. Kein Geringerer als Mao Zedong verbrachte 1957 im deutschen Trutzbau hinter monumentalen Burgmauern und Fachwerkgiebeln seine Sommerferien. Einiges vom Inventar aus deutscher Zeit wurde bewahrt: Die Leuchter im Eingangsbereich werden von Hirschköpfen getragen, ein Teil der Jugendstileinrichtung stammt von der Stuttgarter Hofmöbelfabrik «Gerson und Wolff». Auf dem Weg vom Gouverneurshügel hinunter zur Meerespromenade durchqueren Spaziergänger eine merkwürdige Mischung aus der kolonialen Beschaulichkeit des alten Tsingtau und dem neuen Selbstbewusstsein von Qingdao. Um den Touristen aus aller Welt ihre Altstadt als einzigartiges Architekturensemble zu präsentieren, haben die Qingdaoer keine Mühen gescheut. Eingefallene Dächer wurden neu gedeckt, man strich grau gewordene Fassaden.

Vor der lutherischen Christuskirche informiert eine Hinweistafel über das 1908 erbaute Gebäude mit dem Glockenturm. Dass die Kirche während der Kulturrevolution als Lager für die Armee missbraucht wurde, verschweigt sie. Seit 1980 finden hier wieder Gottesdienste statt. «Heute kommen sonntags bis zu 1000 Menschen», sagt die alte Dame, die am Eingang die Eintrittstickets für Touristen ausgibt. «Es ist immer voll. Aber viele der Christen in Qingdao treffen sich lieber in Hauskirchen.» Wie die meisten der offiziell anerkannten evangelischen Gemeinden gehört auch die alte Christuskirche heute zu der von der Kommunistischen Partei kontrollierten Drei-Selbst-Kirche.

Beim Bier zu Hause

Auf dem Hügel unterhalb der Pagoden des kleinen Fischhügels haben sich die Souvenirverkäufer ganz auf die Kolonialnostalgie der Touristen eingestellt. Neben Postkarten und Bildbänden zum Tsingtau der Jahrhundertwende finden sich hier auch filigran kopierte Erzgebirgspyramiden. In der zum Meer abfallenden Zhejiang Lu, früher die Luitpoldstrasse, kann man den Qingdaoer Alltag erleben, der sich überall ein wenig um das berühmteste Exportgut der Stadt dreht. Mitten auf dem Bürgersteig zapft eine Strassenhändlerin Tsingtao-Bier aus Aluminiumfässern – in Plastiktüten. Der Bierausschank ist in Qingdao ein alltägliches Ritual.

Es waren die deutschen Siedler, die das Bier nach Qingdao brachten. Um sich im Fernen Osten wirklich heimisch zu fühlen, fehlte den ersten Kolonialisten das vertraute Gebräu, und so liessen sie 1903 ihre Germania-Brauerei bauen, die prompt drei Jahre später auf einer Münchner Bierausstellung mit der Goldmedaille ausgezeichnet wurde. Heute ist die Tsingtao-Brauerei eine der grössten der Welt und exportiert in mehr als 50 Länder. An der Strandpromenade, einst Kaiser- Wilhelm-Ufer, ahnt der Flaneur noch ein wenig von der Sehnsucht der Deutschen nach einem Ostseebad am Gelben Meer. Von Weitem grüsst der Glockenturm des alten Bahnhofs. Dichter Verkehr schiebt sich an stolzen Bürgerhäusern  vorbei. Hinter ihren geschwungenen

Giebeln und spitzen Ecktürmen erheben sich die Bankentürme des angrenzenden Viertels. Es ist, als überrage die Kulisse eines monumentalen Science-Fiction- die verblasste Bühne eines Heimatfilms.

WINFRIED SCHUMACHER

Qingdao Gouverneurspalast

Der Gouverneurspalast von Oskar von Truppel in Qingdao, China. (Bild: Shutterstock)

 

Qingdao Lutherische Christuskirche

Die Lutherische Christuskirche in Qingdao, China (Bild: Fotolia)

 

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