«Anders als alles andere auf der Welt»


Bieler Tagblatt, 2. August 2008

Reisen nach China werden immer beliebter. Auch der Seedorfer Andreas Lauper und der Berner Patrick Fehlmann bieten seit Kurzem Touren ins Reich der Mitte an.

Am 8. August beginnen in Peking die Olympischen Spiele. Für das Land, das durch seine autoritäre Politik immer wieder in die Schlagzeilen gerät und wie kein anderes im Westen ambivalente Gefühle auslöst, bedeuten sie ein Meilenstein in der jüngeren Geschichte. Auch Andreas Lauper und Patrick Fehlmann sehen die Olympischen Spiele als Chance: nicht nur für die weitere Öffnung von China, sondern auch für ihr Reiseunternehmen Cui Travel GmbH. Die beiden haben es im letzten Jahr gegründet, um das Land einem breiteren Kreis von interessierten Menschen näherzubringen. «Viele haben von China ein sehr einseitiges Bild», sagt Andreas Lauper, ein gebürtiger Seedorfer. Dabei sei «das Land anders als alles andere auf der Welt». Vor allem anders, als viele Klischees, die darüber kursieren. Sie hoffen, dass die Olympischen Spiele in diesem Jahr, aber auch die Weltausstellung in Shanghai 2010, dem Tourismus im Land weiteren Schub verleihen.

Viertgrösstes Touristenziel

Bereits heute gilt China als beliebte Reisedestination. Analog zum rasanten Wirtschaftswachstum entwickelt sich auch der Tourismus. Laut der Tourismus-Organisation der Vereinten Nationen haben im letzten Jahr gut 54 Millionen ausländische Touristen das Reich der Mitte bereist. Damit hat China Italien als viertgrösste Tourismusdestination abgelöst – nach Frankreich, Spanien und den USA. Und die Perspektiven sind vielversprechend, auch in Bezug auf Reisende aus der Schweiz (siehe Infobox). Umso mehr, als auch Individualreisen gefragter sind. Doch noch immer ist es schwierig, das Land auf eigene Faust zu erkunden.

Genau diese Lücke wollen Lauper und Fehlmann mit ihrem Reiseangebot unter dem Markennamen «hallochina» schliessen. «Wir haben kein fixes Programm, sondern organisieren individuell abgestimmte Touren, die den Leuten einen direkten Einblick in die Kultur und das Leben der Menschen geben sollen», sagt Patrick Fehlmann, studierter Betriebswirtschafter. Sie würden deshalb bewusst Kunden ansprechen, die sich für Land und Leute interessierten, und die «nicht bloss die Grosse Mauer und die Verbotene Stadt» sehen wollten.

Grosse Gegensätze

Möglich wird dies dank Andreas Lauper. Der Weltenbummler lebt zurzeit in China, genauer in Yangshuo in der Provinz Guangxi. Und es kann gut sein, dass er ganz dort bleibt. Erstmals bereist hat er China 1999. Bereits damals blieb er sechs Monate, arbeitete als Englischlehrer und war fasziniert. Später kehrte er in regelmässigen Abständen nach China zurück. Auf eine dieser Reisen nahm er seinen Kollegen Patrick Fehlmann mit. Die beiden kennen sich vom Fussballspielen – Fehlmann tschuttete beim FC Schüpfen, Lauper beim SC Radelfingen. «Ihn hat China ebenfalls fasziniert. Und da haben wir beschlossen, etwas auf die Beine zu stellen», so Lauper.

Dass sie sich mit China zwar durchaus einen Wachstumsmarkt, aber zugleich keine einfache Destination ausgesucht haben, ist den beiden bewusst. Andreas Lauper geht mit der Debatte um fehlende Menschenrechte oder die grosse Umweltzerstörung differenziert um. «Ich will die Politik des Landes nicht verteidigen. Aber man kann nicht ganz China in einen Topf werfen», sagt er. So gebe es beispielsweise viele Chinesen, die sich kritisch über die Politik der Regierung äusserten. Überhaupt sei das Land riesig und die Gegensätze gross. «China erstreckt sich über alle vier Klimazonen und vereint über 50 Völker, da prallen Welten aufeinander.» Auch Patrick Fehlmann findet, dass man die Chinesinnen und Chinesen nicht pauschal verurteilen darf: «Ich habe die Chinesen als offene, humorvolle und interessierte Menschen erlebt.» Noch ausbaufähig, bietet«hallochina» Reisen für Einzelne und kleine Gruppen bis maximal sechs Personen an. «Dadurch sind wir flexibler in der Reisegestaltung», erklärt Patrick Fehlmann. So sei es

beispielsweise möglich, mit den in China typischen Kleinbussen von Dorf zu Dorf zu fahren. «Das ist zwar etwas weniger bequem als im klimatisierten Reisebus, dafür ist der Erlebnisfaktor umso grösser», so Lauper. Zudem organisiert er vor Ort auch Kurzausflüge für die immer zahlreicher werdenden Geschäftsleute. «Das Hauptproblem für China-Reisende ist, dass man nichts lesen kann und grosse Schwierigkeiten hat, wenn man mit den Leuten kommunizieren will – es sei denn, man spricht Chinesisch.» Er selber spricht mittlerweile gut Mandarin.

In zwei Jahren Bilanz

Für Andreas Lauper und Patrick Fehlmann ist das Reiseunternehmen vorderhand noch ein Experiment. Fehlmann arbeitet hauptberuflich in der Unternehmenskommunikation; Lauper, der Automechaniker gelernt hat, arbeitet zwischen den Touren als Englischlehrer – diese seien besonders in den ländlichen Provinzen Chinas gesucht.

Cui Travel mit der Marke «hallochina» befindet sich im Wachstum, bereits lebt Lauper hauptsächlich davon. «In zwei Jahren ziehen wir Bilanz», sagt Patrick Fehlmann. Je nachdem, wie sich das Geschäft entwickle, werde man das Unternehmen weiter ausbauen. Gut möglich, dass die Olympischen Spiele diesen Prozess beschleunigen werden.

Artikel BT 2.8.080001

«Sich selbst ein Bild von China machen»: Andreas Lauper (links) und Patrick Fehlmann.
Bild: Olivier Gresset

Artikel im PDF: Anders als alles andere auf der Welt

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